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 Carl Spitzweg und die Post

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AutorNachricht
Cophila
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BeitragThema: Carl Spitzweg und die Post   2008-09-30, 23:04

Am 23. September 1885 verstarb der Lieblingsmaler von @bayern klassisch im Alter von 77 Jahren in München. Wenn er auch zuletzt sehr zurückgezogen gelebt hatte, so war er doch bekannt und beliebt; in einem Nachruf heißt es: "Er hat zwei Kunststücke fertig gebracht, die Niemand sonst leicht gelingen; berühmt zu werden, ohne Neid zu erregen, und mit 77 Jahren naiv und originell in Allem und Jedem zu bleiben, ohne es jemals sein zu wollen." Spitzweg ist auch heute noch unter den unzähligen Malern, die im 19. Jahrhundert in den vielen Städten Deutschlands Bilder mit sehr unterschiedlichen Themen und in sehr verschiedenen Auffassungen malten, einer der bekanntesten und beliebtesten. Selbst für Leute, die sich sonst nichts aus Bildern und Malerei machen, gehören einige Hauptwerke Spitzwegs zum eisernen Bestand des Bekannten. "Spitzweg, weißt du, das ist der, der den Typ im Bett gemalt hat." Damit ist der arme Poet in der Dachkammer gemeint. Es muß in den Bildern Spitzwegs etwas enthalten sein, das anspricht und das im Gedächtnis bleiben läßt.

Eine Folge dieser Beliebtheit ist aber auch, daß der Maler und sein Werk eben nur zu Teilen bekannt sind, daß sich Mißverständnisse vieler Art eingeschlichen haben, die in der gängigen Vorstellung doch ein etwas einseitiges Bild ergeben.

So ist der Maler zwar durch seine zahlreichen Schilderungen eigenartiger, zumeist etwas kauziger Zeitgenossen und ihrer Erlebnisse zu Recht berühmt geworden, aber sein malerisches Werk ist doch viel umfangreicher. Es umfaßt unter anderem auch, um nur diesen einen Bereich zu nennen, vorzügliche Landschaftsbilder, dem Charakter der Spitzwegschen Malerei entsprechend keine großen Kompositionen, sondern kleine Bilder, zumeist Ausschnitte, mit sehr verschiedenen Stimmungen.

Und auch der Hauptteil des Spitzwegschen Schaffens, die Bilder mit den einzelenen Figuren oder den kleinen Szenen aus dem alltäglichen Leben, hat seine eigene Note. Diese Darstellungen gehören in den Bereich der sog. Genremalerei, die eine lange Tradition hat. Im Mittelalter kommt er auf in den Darstellungen der Arbeiten der Monate und Jahreszeiten auf Kapitellen und Portalreliefs oder in Stundenbüchern, dann in kleinen Nebenszenen auf Bildern mit religiösen Themen, aber im Grunde sind auch einzelne Legendenbilder schon Genreszenen, z. B. der hl. Eligius, der in seiner Goldschmiedewerkstatt mit Auftraggebern verhandelt (Bild von Petrus Christus in New York). Von der hohen Kunst freilich, der akademischen Malerei, ist die Genremalerei immer als eine geringe Gattung betrachtet worden, was aber ihrer Beliebtheit keinen Abbruch getan hat. Eine besonders bekannte und glanzvolle Epoche dieser Gattung ist mit der holländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts erreicht, man denke an Steen und Ostade, Vermeer und Terborch, Jordaens und Teniers; aber auch in allen anderen Jahrhunderten und Ländern gab es immer wieder Genrebilder, allerdings schwankten Anteil und Bedeutung für das Gesamtbild einer Epoche beträchtlich.

Im 19. Jahrhundert gewinn sie sehr an Boden. An den Akademien entstehen eigene Klassen für Genremalerei, die neu gegründeten Kunstvereine stellen Bilder dieser Art aus, verkaufen und verlosen sie, die privaten Sammler erwerben sie, die Schätzung dieses Gebietes nimmt zu. In der Düsseldorfer oder Münchener Malerei des 19. Jahrhunderts spielt sie eine bedeutende Rolle; aber auch in allen anderen deutschen Städten sind Maler am Werk, die Ereignisse oder Episoden aus dem täglichen Leben darstellen. Dabei ist eine große Spannweite in den Absichten und in der Art der Ausführung möglich, vor der sozialen Anklage bis zur behaglichen Schilderung, von theatralischen, posierenden Darstellungen bis zu ausgewogenen, einfühlenden Kompositionen. Jeder Maler kann die Themen auf seine Weise oder auch nach den Wünschen der Besteller vortragen. Spitzweg hat es vorgezogen, zurückhaltend zu erzählen. Oft ist erst beim zweiten Blick alles zu sehen, was zu der Begebenheit gehört. Oft ist der Betrachter der einzige, der alles sieht, der den Zusammenhang überblickt. Meist sind es eigenartige Existenzen und merkwürdige Käuze, sehr oft stößt ihnen ein kleines Mißgeschick zu, aber die Schadenfreude hält sich in Grenzen, man fühlt vielmehr mit den Opfern. Es ist ein leiser, verständisvoller Humor, of etwas melancholisch, der die Bilder kennzeichnet. Sie unterscheiden sich dadurch sehr von den meisten, was zur gleichen Zeit auf dem Felde der Genremalerei geschaffen wurde.

Über den Bilderzählungen und dem Mitfühlen mit ihren Personen wird häufig das Künsterische in den Bildern übersehen und gerade das ist von bemerkswerter Qualität. Spitzweg hat keine Akademie besucht; er hat sich das Malen selbst beigebracht, er hat dabei immer wieder auf gute Freunde geschaut. Er war durch eine Erbschaft finanziell unabhängig; zwar hat er Bilder auf Ausstellungen gegeben und auch verkauft, aber er war nicht darauf angewiesen. Das gab ihm Freiheit und Sicherheit. Mit seinen Münchener Malerfreunden hat der Wanderungen in die Umgebungen unternommen. Er hat Reisen nach Paris, London, Venedig, Prag oder Wien gemacht und geschaut, was dort entstand. Bilder von Delacroix und Courber waren ihm genauso bekannt wie solche von Constable und Turner oder von Menzel und Waldmüller. In Pommersfelden hat er alter Meister kopiert. Der ehemalige Apotheker und Maler-Dilettant wußte, was Malen heißt. Er hatte ein Auge für die Dinge und beherrscht das künstlerische Handwerk. Auch eine deutliche und folgerichtige Entwicklung läßt sich an seinen Arbeiten ablesen. Mit sehr klaren und linearen Bildern fängt er an, dann werden sie immer freier und malerischer. Vor allem in den vorbereitenden kleinen Skizzen, in denen er noch gar nichts ausmalt, sonder erst die Verteilung von Licht und Schatten und die Anordnung der Farben ausprobiert, geht er schon sehr weit. Auf diesen kleinen Zigarrenkistenbrettchen ist vieles nur angedeutet, reine Malerei ohne viel Rücksicht auf den Gegenstand.

Spitzweg hat bestimmte Lebensgebiete mit besonderer Vorliebe ins Auge genommen und mit leichten Abwandlungen immer wieder dargestellt, so gibt es von ihm auch eine ganze Reihe von Werken, auf denen Briefe zugestellt und empfangen werden.

Dabei ist darauf hingewiesen worden, daß ein Onkel Spitzwegs, der 1824 verstorbene Josef Spitzweg, Posthalter in Unterpfaffenhofen auf der Strecke München-Inning gewesen ist. Schon dessen Mutter Maria Anna und vorher der Vater Simon hatten seit 1810 diese Stelle inne. Aber wenn auch Spitzweg durch diese verwandtschaftlichen Beziehungen etwas nähere Verbindungen zum Postwesen hatte als andere Zeitgenossen, das Entgegennehmen von Briefen ist doch ein jedem einzelnen Menschen oft begegnendes Erlebnis. Spitzweg wird wohl auch ohne den Posthalter-Onkel darauf gekommen sein, welche Situationen sich damit darstellen lassen.

Ein Meisterwerk aus diesem Themenkreis ist "Der Briefbote im Rosenthal" im Marburger Museum, ein schmales, hohes Format, den die hohen, schmalen Häuser auf dem Bild entsprechen. Wir blicken in die Gassen eines alten Städtchens, wie sie Spitzweg immer wieder zum Schauplatz seiner Geschichten wählte (in vielen Briefen hat er von seinen Besuchen in den alten Städten Süddeutschlands berichtet), umstanden von den Häusern mit ihren Erkern, Giebeln, und Dächern, die nur ein kleines Stückchen Himmel frei lassen. Liebevoll sind alle die Details wiedergegeben, die dazu gehören. Ausladende Laden- und Werkstattschilder, eine Hausmadonna auf der Ecke, Efeu, Fensterladen und Blumenbänke und hinten auf dem Schornstein ein Storchennest. In diese enge, winklige Welt, die aber hell von der Sonne beschienen wird, ist der Postbote getreten, angetan mit von gelb bis ins grüne spielendem Rock und schwarzer Mütze. Er hebt mit seiner rechten Hand einen Brief hoch, von unten, vom Brunnen her, und aus vielen Fenstern und Luken recken die Mädchen die Köpfe, wer von ihnen einen Brief bekommt, das wird im nächsten Augenblick auch jede andere wissen.

Ff.



(Jubiläums-Post-Karte, JPK 02/02, Deutsche Postreklame GmbH, 6000 Frankfurt am Main 1, Foto: Archiv für Kunst und Geschichte Berlin. 500 Jahre Post.) - Der Briefbote im Rosental -.

(Jubiläums-Post-Karte, JPK 02/01)- "Ankunft der Postkutsche in Partenkrichen"-.

Unzustellbarer Brief
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Cophila
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-01, 00:22

"Der Briefbote im Rosenthal" vertritt die offizielle, amtliche Postbeförderung.

Ein privater Versuch, der ob seines Dilettantismus von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, ist dagegen auf dem Bilde "Der abgefangene Liebesbrief" (Sammlung Schäfer, Schweinfurt) zu sehen. Wiederum sind wir in einer alten Stadt, diesmal vor den oberen Geschossen eines Hauses, hinter dem links weitere Häuser und oben wieder ein Stückchen Himmel zu sehen sind. Die Straße, der Boden, sind weit unter uns, wir können nicht ausmachen, wie hoch die Häuser sind, wir sind ganz oben. Genau vor uns steht der hohe schmale Giebel eines Hauses mit reichen Barockverzierungen, an dem wiederum mit aller Liebe und Sorgfalt all' die vielen Details dieser Kleinwelt gemalt sind. Ganz oben im Giebel beugt sich ein Student mit einer roten Mütze aus dem Fenster. Er hat dem jungen Mädchen, das unter ihm wohnt, einen Liebesbrief geschrieben (worauf auch die schnäbelnden Tauben auf der Dachrinne anspielen) und läßt ihn nun an einer Schnur hinunterschweben. Aber die Sache geht schief, die Übermittlung mißglückt. Nicht das junge Mädchen, das über einer Handarbeit am Fenster sitzt, sieht den Brief zuerst, sondern die alten Tante, die wie beim Anblick einer Erscheinung Mund und Augen aufreißt und die Hände hebt. Die Adressatin des Briefes hat ihn noch gar nicht wahrgenommen, oder tut sie nur so, als habe sie nocht nichts bemerkt? Und der Student wiegt sich noch in der Hoffnung, der Brief komme gut an.


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bayern klassisch
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-01, 09:39

Da ich mich ja als bekennender Spitzweg - Liebhaber geoutet habe, freut mich der Thread von Cophila natürlich ganz besonders.

Aber liegt es an mir, meinem PC oder an der Software, dass ich, außer den wunderschönen Bildern von Cophila, Verzeihung, von Spitzweg, keine weiteren mehr sehen kann???

Bitte bringt das in Ordnung, liebe administratoren.

Vielen Dank und immer noch mit Glaube an die Technik grüßt bayern klassisch
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Cophila
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-01, 18:14

Der Student im Dachstübchen hätte besser getan, auf seinen eigenen, sehr amateurhaften Versuch zu verzichten und sich den erfahrenen Fachleuten von der Post anzuvertrauen, dann wäre es gegangen wie auf dem Bilde "Der Liebesbrief" in der Berliner Nationalgalerie.

Hinten links schließt die Ecke eines Hauses mit verschlossenen Fensterläden das Bild ab; von ihr führt eine hohe Mauer nach rechts vorne.



In dem Gartenwinkel zwischen Haus und Mauer, angedeutet durch einige Blumen, Gießkanne, Spaten und Strohhut vorne rechts, sitzen an einem Sommernachmittag die alte Tante und das junge Mädchen. Auf dem Tisch, runde Holzplatte auf einem Baumstumpf, liegt im Körbchen das Strickzeug, am Tischbein lehnt der Stickrahmen. Im Augenblick aber hält das Mädchen ein Buch in der Hand, liest sie für sich oder hat sie der Tante vorgelesen? Der aber sind ganz einfach die Augen zugefallen, ganz breit und frontal sitzt sie mit ineinandergelegten Händen da und macht ein Nickerchen. Das Mädchen aber blickt von der Lektüre auf. Oben, direkt am Haus, erschein über der Mauer der Kopf eines Postboten; er lüftet den dunkelblauen Zylinder mit dem hellen Band und hebt ein Briefchen mit einem roten Siegel hoch: Dieser Brief wird in die rechten Hände kommen, ohne daß Unbeteiligte davon erfahren.



Ganzsache. (Seltsam, das neben dem Ortsstempel mitunter auch noch dieser Briefzentrumsstempel mit drauf kommt.)
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Cophila
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-01, 18:44

Hallo Anne und Bayer,

Beim Bilderhochladen und Reinsetzen immer erst die Vorschau berücksichtigen! Erscheint das Bild in der Vorschau, dann erst senden.

Bei der "http://i...-Adresse" erscheint kürzlich bei mir abwechselnd die i47, i37, i57 ...", auch darauf achten.

Nachdem der "Änderungsbutton" derzeit fehlt, vorhanden ist nur der "Zitatbutton" innhalb der Posts, könnt ihr eure Beiträge nicht nachträglich berichtigen.

Mozart soll deshalb eure Beiträge hier löschen.

Dann versucht ihr es noch einmal!

Liebe Grüße prost
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Bios
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-01, 18:58

Dann versuche ich es noch einmal. Hier mein Lieblingsbild von Spitzweg:



Von einer Leseratte kann man ja auch nichts anderes erwarten, nicht wahr lachen
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Cantus
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-01, 21:27

Hallo Anne,
das sieht ja fast so aus wie bei mir, nur dass meine Bibliothek nicht so hoch ist; aber ohne Leiter kommt man oben auch nicht heran.
Beste Grüße
Ingo
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Mozart
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-02, 01:57

Deutschland - 100. Todestag von Carl Spitzweg - Mi 1258 - Ersttag am 13. August 1985:

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Bios
Mitglied in Bronze
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-02, 07:58

@Cantus schrieb:
Hallo Anne,
das sieht ja fast so aus wie bei mir, nur dass meine Bibliothek nicht so hoch ist; aber ohne Leiter kommt man oben auch nicht heran.
Beste Grüße
Ingo

Hach, Ingo, da beneide ich Dich aber wahnsinnig. Wenn wir nächstes Jahr in unser Heim einziehen, dann wollen wir uns einen Tischler holen. Wir haben direkt in unserer Straße einen. Mal schaun, was der uns in Richtung Bücherregal anbieten kann.

Hier ist noch eins von Spitzweg, das ich liebe: "Der arme Poet":

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Cophila
Mitglied in Bronze
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-02, 10:38

Post und Briefe

haben Spitzweg nicht nur zu Bildern angeregt; auch in Gedichten kommen sie vor und dabei kommen die gleichen Eigenschaften zum Vorschein wie in seinen Bildern. In dem Gedicht "Die Briefpostkasteln" stellt er sich vor, was alles in den Briefen steht, die in einen solchen Kasten geworfen werden:

Wenn diemal kumm ins Grübeln 'nein
Und schau die Kastl'n an,
Da fallt mir allmal wieder ein,
Was da all's drinn sein kann.

Wennst in die Brief all neingschaug'n kunnst,
Da wurd dir Angst und Bang,
G'wiß suchest du nit umasunst,
Was d'Menschheit schindt schon lang.,

Was d'Lieb und nachher d'Eifersucht
Und Lust und Freud erdicht,
Der Neid als der Gewinnsucht Frucht,
Kurzum a Weltgeschicht.

Dös stopfens all's ins Kast'l geschwind,
All'n Teufelsdreck zusamm,
Ob Tugend oder Laster Kind
'S paßt all's in ein Kram.

Und ganz naturli, daß die Post
Zwoa Stunden drauf a kommt
Und all die süß' und saure Kost
Schnell aus die Kasterl nimmt.

Und anders dürft man's nit wag'n,
Denn z'fürchten wär's do meist,
Wenn d'Kastln a san eisenb'schlag'n,
Deß´dengerscht all's zerreißt.
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Cophila
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-03, 11:41

In der "guten, alten" Spitzweg-Zeit, auch Postkutschenzeit genannt, hat die Post nicht nur Briefe, sondern auch Personen mitsamt ihrem Gepäck befördert.

Spitzweg hat auch das mehrmals dargestellt, mit am schönsten auf dem Bilde "Die Jugendfreund" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München, auch wenn dort die Postkutsche nur im Hintergrunde erscheint und Hauptthema das Treffen der alten Freunde ist. Spitzweg wählt hier ein Breitformat, denn auf ihm kann er die Geschichte entwickeln (bei Spitzweg besteht immer eine Beziehung zwischen Erzählung und Format). Von links her ist der Hausherr - von imponierender Leibesfülle - einige Schritte auf die Stufen vor seiner Tür getreten; er breitet die Arme weit zur Begrüßung aus, seine Rechte hebt die Meerschaumpfeife, aus der Tasche seines roten Morgenrockes hängt das Sacktuch. Die Gestalt mit ihrer pathetischen Geste wird dadurch hervorgehoben, daß sie wie ein Schattenriß vor einer hell beleuchteten Wand steht. Ein Stück tiefer am Treppenanfang züngeln die Spitzen einer gewaltigen Agave aus einem Kübel. Darunter läuft der Hund auf den Gast zu und schnuppert an seinem Schirm.

Der Freund - im Reisehabit und mit großer Tasche - ist von rechts her durch das Tor in das Gärtchen getreten; er blickt zum Gastgeber hinauf und hebt seine rechte Hand. Diese Begrüßung mit ihren Blicken und Gesten ist das Thema des Bildes, ohne Mühe kann man sich vorstellen, wie die beiden alten Knaben demnächst in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen werden.

Die dritte Person ist klein und noch entfernt im Hintergrund, noch dicht am rechten Bildrand hat sie den Weg den Hang hinunter und durch das Gartentor noch vor sich; es ist der Postillon, der seine Kutsche oben auf der Straße angehalten hat und nun das Gepäck hinterherträgt, in seiner Rechten eine zweite Tasche und auf dem Kopf eine Art Truhe - offensichtlich ist es auf einen etwas längeren Aufenthalt abgesehen. Die gelbe Kutsche mit dem Schimmel davor steht oben unter Bäumen; links davon erscheint unter blaßblauem, leicht bewölktem Himmel das Bild einer alten Stadt, an Rothenburg erinnernd.

Wiederum sind Personen und Dinge im Bild mit Überlegung verteilt und aufeinander bezogen; Postbote und Kutsche sind zwar klein und im Hintergrund, gehören aber zum Bild und zur Geschichte dazu. Dem schattigen Waldesdunkel oben rechts anwortet die hell beleuchtete Wand links, dazwischen geht der Blick in die Tiefe. Die Szene unten ist durch Mäuerchen und Zaun von dem Raum dahinter abgetrennt. Die Aufteillung des Bildes, die Postierung von Personen und Dingen im Bilde, die Beziehungen der Personen zueinander, dann die für die Wiedergabe der verschiedenen Dinge angewandten, jedem einzelnen Material angemessenen Malweisen und die Verteilung der leuchtenden und der gedämpften, zurückhaltenden Farben, alles das ist von einem unerhörten Reichtum, in den man sich erst nach und nach einsieht, unaufdringlich und doch von selbstverständlicher Sicherheit.


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Cophila
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BeitragThema: Re: Carl Spitzweg und die Post   2008-10-04, 08:18

Der Künstler hat noch eine ganze Reihe anderer Bilder mit Briefträgern und Postkutschen gemalt.

Man könnte sie zusammenstellen, was aber gar nicht einfach ist, weil viele seiner kleinen Werke (die sogar schon mal auf einem Flohmarkt gefunden wurden) in Privatbesitz versteckt sind und oft den Besitzer wechseln. Aber man würde dann doch immer wieder auf die Eigenschaften stoßen, die uns in den bereits beschriebenen Bildern begegnet sind. Eine mit feiner Einfühlung geschilderte alltägliche Begebenheit, wenige in Beziehungen zueinander gesetzte Personen, eine ruhige Ordnung der Bildteile und Farben, eine meisterhafte Malerei.

Spitzweg hat nicht alles gemalt, was es in seiner Zeit gab und was er sehen konnte. Er hat bestimmte Bereiche ausgewählt, genau und mit Humor beobachtet, er hat aber auch seine Phantasie spielen lassen.
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Carl Spitzweg und die Post

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