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 Reiseerlebnisse Postkutsche

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Cophila
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BeitragThema: Reiseerlebnisse Postkutsche   Mi Okt 29, 2008 5:17 pm

Reiseerlebnisse eines Dichters mit dem Postwagen zu Anfang des 19. Jahrhunderts

Aus dem Archiv für deutsche Postgeschichte 2/82



Vorstehend: "Im Posthof" - Szene um 1830 -, Ölgemälde

Reisen in deutschen Landen, zu einer Zeit, da man ausschließlich auf Pferd und Wagen angewiesen war, um größere Entfernungen einigermaßen unbeschadet und sicher zurückzulegen, bedeutete im allgemeinen ein waghalsiges Unternehmen, mit Risiken behaftet. Wer eine Reise antrat, konnte im voraus nicht sicher sein, wie sie enden würde.

Unvorhergesehene Ereignisse mußten mit ins Reisekalkül einbezogen werden. Aber wer konnte schon garantieren, daß man von Rad- und Achsenbruch verschont blieb. Der Kutscher auf dem Bock tat in der Regel sein Bestes, um seine Reisegäste pünktlich und fahrplanmäßig an Ort und Stelle zu bringen. Von diesem löblichen Vorsatz kündeten die zahlreichen Kalender in Stadt und Land, die alle "ankommenden und abgehenden Posten" sorgfältig verzeichneten. So auch die in Hildesheim seit Generationen erscheinenden Kalender in Quartformat, die für den Hausgebrauch gedacht waren. Davon konnte sich auch der Reisende, so er seinen handlichen Taschen oder Reisekalender zur Hand hatte, überzeugen. Aber alle noch so sorgfältig aufgestellten Fahrpläne mußten durcheinandergeraten, wenn erst die Kutsche, was nicht gerade selten vorkam, repariert werden mußte, bevor an eine Weiterfahrt zu denken war. Das Reisen mit öffentlichem oder privatem Gefährt, über kürzere oder längere Strecken, blieb, von Station zu Station, abenteuerlich.


Ff

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Cophila
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BeitragThema: Re: Reiseerlebnisse Postkutsche   Mi Okt 29, 2008 5:43 pm



Gemälde "Beim Postillion" 1860 von Wilhelm Hahn

Wer eine Reise tat, der konnte buchstäblich was erzählen.

Aus der Sicht des Berufsstandes der Fuhrleute dagegen stellte Reisen sich freilich anders dar:

Von ihren Problemen vermag die Sage "Der bekehrte Mordiofuhrmann" von Jeremias Gotthelf (1797-1854) einen Eindruck zu vermitteln, die zum ersten Mal in dem von Karl Steffens herausgegebenen "Volks-Kalender für 1847" erschien. In dieser Kalendergeschichte erzählt Dani, ein in den Kneipen zwischen Murten und Bern bekannter Zecher und wegen seiner Roßschinderei berühmt-gefürchteten Mordiofuhrmann, der sein Pferdegespann immer bis aufs Äußerste zu malträtieren pflegte, noch bleich und am ganzen Körper zitternd seinen Zuhörern im Wirtshaus, wie ihn der Teufel für seine Mißhandlungen der Kreatur geschunden habe. Ein didaktisches Stück, erzählt zur Verbesserung des moralischen Verhaltens der Menschen.

Von umkippenden Fuhrwerken ist so oft zu lesen, daß das Bild der umstürzenden Kutsche beinahe zu einem Inbegriff des Reisens geworden war. Wer das Risiko vermindern wollte, der durfte sich nicht ausschließlich auf die Post verlassen. Der tat wohl klug daran - und wenn er die finanziellen Mittel aufbringen konnte, so fiel ihm der Entschluß sicherlich leichter, einen Lohnkutscher für sein Vorhaben zu mieten.


Ff

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Cophila
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BeitragThema: Re: Reiseerlebnisse Postkutsche   Mi Okt 29, 2008 9:26 pm



Hannover, Postillione, 1820, Aquarell von G. Müller



Reuß/Thurn und Taxis, Postillion, Briefträger, Postsekretär, 1847, Aquarell von G. Müller

Von einer solchen Möglichkeit erzählt der Maler und Schriftsteller Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) in seinen Lebenserinnerungen. Er hatte in seiner Kindheit und Jugend mit seinen Eltern ziemlich häufig den Wohnort wechseln müssen und wußte daher von den "Freuden des Reisens" ein Lied zu singen. Er war gerade vierzehn Jahre alt geworden, als er beim allseits geliebten Pfarrer Roller in Lausa bei Dresden, bei dem er in Pension wohnte, das Fest seiner Konfirmation feiern konnte. Um seine schulische Ausbildung zu vervollständigen, war beschlossen worden, ihn in Pension zum Landessuperintendenten Dr. Krummacher nach Bernburg zu geben, damit er das dortige Gmynasium besuche.

Die Reise, im "bequemen Wagen des Lohnkutschers Hempel", ging von Lausa nach Dresden, von dort nach Merseburg, um schließlich für einige Wochen in Ballenstedt, der Residenz der Herzöge von Anhalt-Bernburg, zu enden. Dort lebte er bis Johanni in der Obhut des herzoglichen Hofrats Beckedorff, um dann "zur Abwechslung einmal wieder Schulkind zu werden". Von Ballenstedt ging die Reise nach Bernburg, der "Kapitale des Herzogtums". Von seiner Ankunft bei Krummacher schreib er:

"Vor diesem Hause fuhr ich am Johanni-Abend des Jahres 1817, auf meinem Gepäck sitzend, bestäubt und müde, in einem einspännigen Leiterwägelchen vor.

Die Post, welche jetzt zweimal täglich auf glatter Chausee in wenigen Stunden von Ballenstedt nach Bernburg hinrollt, ging damals nur zweimal in der Woche, und zwar des Nachts, wo sie dann auf den bösen Wegen so oft umzuschlagen pflegte, daß nur Wagehälse sich dieser Gelegenheit bedienten. Beckedorff hatte daher ein eigenes Fuhrwerk für mich gemietet mit einem besonnenen Kutscher, der auf dem fünf Meilen langen Weg zwar seine richtigen zwölf Stunden unterwegs blieb, mich aber dafür auch mit unzerbrochenen Knochen am Bestimmungsorte abliefern konnte." Kügelgen hatte, dank umsichtiger Fürsorge befreundeter Familien, die Strapazen der Reise glücklich überstanden. Kein Achsenbruch, kein Umschlagen des Fahrzeugs, man ist geneigt zu sagen: alles ganz normal.


Ff

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BeitragThema: Re: Reiseerlebnisse Postkutsche   Mi Okt 29, 2008 11:47 pm



"Post und Eisenbahn" (bei Koblenz) um 1865. Ölgemälde von K. Nüttel nach P. Meyerheim.

Wie anders erging es da doch dem Dichter Karl Immermann (1796-1840), als er sich öffentlichem Gefährt anvertraute, auf der Rückreise mit der "gewöhnlichen Post" vom 26. bis 30. November 1821 von Magdeburg, seiner Geburtsstadt, nach Münster, wo er als "Auditeur beim Generalkommando für die Provinz Westphalen" tätig war. All' seine Versuche, eine Justizratsstelle in Magdeburg zu bekommen, waren fehlgeschlagen, so daß er in der Militärjustiz weiter ausharren mußte.

In einem Brief an seinen Bruder Ferdinand vom 16. Okober 1821 hatte er seinen Besuch angekündigt und der Hoffnung Ausdruck gegeben, "mit einer bequemen Retourchaise, die die Frau eines hiesigen Postoffizianten hieher karrt, vielleicht schon am 24ten von hier abzureisen. Dann bin ich am 30ten in Magdeburg."




Mecklenburg-Schwerin, Postillione, 1820



Oldenburg Postillione, 1820
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Cophila
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BeitragThema: Re: Reiseerlebnisse Postkutsche   Di Nov 04, 2008 4:16 pm

> Immermann benutzte die übliche Reiseroute über Minden, Hildesheim und Halberstadt. Von anderen Reiseerlebnissen mit Postkutschen hatte er schon wiederholt der Mutter Wilhelmine manches lustige Erlebnis brieflich mitgeteilt.

Der Normalfall, das ungewöhnliche Ereignis trat ein, aber keine Katastrophe auf Leben und Tod folgte. Das Ereignis, die umschlagende Postkutsche, gehörte, wie wir wissen, zur Alltäglichkeit des Reisens, war zumindest immer möglich. Das individuelle Erlebnis und seine Verarbeitung blieben im höchsten Maße subjektiv.

Immermann war bei seiner Mutter in Magdeburg einige Wochen zu Besuch gewesen und hatte eine glückliche Zeit im Kreise seiner Familie und Freunde verbracht. Am 1. Dezember, nach überstandener Reise, schrieb er ihr aus Münster: "Gestern Nachmittag 4 Uhr, meine geliebte Mutter, bin ich nach einer sehr beschwerlichen Postfahrt, jedoch wohl und munter hier wieder eingetroffen. Die Abentheuer meiner Reise soll Dir der nächste Brief, der am Montag abgehen wird berichten. Ich legte mich hier um 8 Uhr Abends zur Ruhe, u. habe 12 Stunden in einem Strich geschlafen. Außer einer sehr natürlichen Mattigkeit, spüre ich keine nachtheiligen Folgen der Reise, u. habe daher wieder Ursache, mir über meinen starken Körper Glück zu wünschen."



Reichs-Postverwaltung, Landbriefträger und Postillion, 1871



Bayern, Postillione, 1850
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