ZOSSEN - Die „gute Stube“ im Heimatmuseum „Alter Krug“ in Zossen platzte jüngst aus allen Nähten. Viele Besucher interessierten sich für die Forschungsergebnisse über die Zossener Kalkschachtöfen, die der Berliner Architekt und Denkmalpfleger Gisbert Knipscheer in einer Masterarbeit zusammengefasst hat. Immerhin handelt es sich bei der Anlage am Nottekanal um ein seltenes, wertvolles Industriedenkmal. „Österreich hat sogar Briefmarken mit Kalkschachtöfen“, sagt Knipscheer.
Obwohl das Nottefließ bereits um 1570 schiffbar gemacht wurde, begann die eigentliche Hochzeit der Wasserstraße und mit ihm die Ansiedlung verschiedener Gewerbe in Zossen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der heute 26 Kilometer lange Nottekanal, übrigens der älteste in Brandenburg und der zweitälteste in Deutschland, wurde verbreitert und tiefer gelegt. „1850 bis 1894 wurden schließlich die Kalkschachtöfen in Zossen auf der Nordwestseite des Nottekanals gebaut“, berichtet Knipscheer. Die gezielte Verarbeitung von Kalkstein zu einem vielseitigen Baustoff sei nicht nur lukrativ gewesen, erfuhr das Auditorium, sondern gehöre auch zu den ältesten technischen Produktionsverfahren. So stammen die ältesten Zeugnisse der Kalkherstellung aus Anatolien und sind 11000 Jahre alt. Zu den ersten Einrichtungen zum Kalkbrennen zählten einfache Feldöfen ohne Ummauerung. „Danach folgten die ersten so genannten Rumfordöfen oder auch Rüdersdorfer Öfen genannt“, erläuterte der Referent. „Die Zossener Öfen, die sehr viel moderner sind, sehen sich zwar ähnlich, sind im Detail allerdings sehr unterschiedlich. Auch nachträgliche Umbauten und Modernisierungen lassen sich heute noch erahnen.“ Knipscheer wies in seinem Vortrag auch darauf hin, dass die Besitzer der Kalkbrennerei besonderen Wert auf eine – heute würde man sagen – tolle Optik legten. So wies der Ofen auf der Seite des Nottekanals eine für die damalige Zeit besonders ansprechende Architektur auf. Die Brennöfen wurden von mehreren Seiten befeuert, wobei der jüngere Ofen nicht sehr lange in Betrieb war. Familie Oertel betrieb nicht nur die Kalkbrennerei, sondern auch einen florierenden Bau- und Brennstoffhandel. „Um 1922 herum“ – Genaueres ermittelte auch Knipscheer nicht – „wurde die Kalkbrennerei allerdings eingestellt, weil sie sich nicht mehr lohnte. Das Gelände, auf dem im Laufe der Jahre zwei Fabrikantenvillen entstanden, wurde 1936 verkauft. Später entstand dort eine Zementfalzsteinproduktion für Dachdeckungen.“ Leider weist das, was von dem einzigartigen technischen Denkmal heute übrig ist, sehr viele Schäden auf. Gisbert Knipscheer würde sich wünschen, dass schnell etwas getan wird, um dessen weiteren Verfall zu stoppen. Die Stadt Zossen ist Eigentümer des Areals. Drei Nutzungskonzepte gebe es, so Knipscheer: Die Linke in Zossen könnte sich dort ein Informationszentrum für regenerative Energien und für ökologische Baustoffe sowie eine Weinstube vorstellen. Ein professionelles Projektentwicklungsbüro, das sich besonders auf die Revitalisierung von Denkmalen spezialisiert hat, favorisiert unter anderem einen Bauhof für historische Baustoffe, und das Konzept der Stadt Zossen sieht Galerie, Kleinkunst, Gastronomie und auf dem Freigelände eine neue Kita vor. (Von Heidi Borchert)
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