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 Social Philately

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balf_de
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BeitragThema: Re: Social Philately   Di Nov 29, 2011 1:41 pm

Hallo Kontrollratjunkie!

Kontrollratjunkie schrieb:
wenn ich das Thread - Thema richtig verstanden habe, sollen hier keine geschäftlichen Briefinhalte gezeigt werden ?

Nicht richtig – Du weißt es besser …

Kontrollratjunkie schrieb:
Obwohl doch auch solche Briefschaften durchaus "Soziales" beinhalten können. Auch Gewerbe- und Industriegeschichte hat doch auch im engeren Sinne mit der sozialen Entwicklung eines Landes oder einer Gemeinschaft zu tun.

Und ob: und zwar sind solche Belege zumindest ebenso wichtig wie das politische Umfeld. Ich denke in erster Linie an Heimatsammlungen, wo man das Stichwort „Social Philately“ am besten darstellen könnte. Und da spielen genau die von Dir angesprochenen Möglichkeiten sicher die Hauptrolle.

Kontrollratjunkie schrieb:
Ich stelle hier noch ein Beispiel aus meiner Sammlung ein, allerdings ein "etwas" älteres Beispiel eines Bedarfsbriefes.

Gib zu, das etwas ältere Beispiel hast Du mir zu liebe ausgesucht: Du wolltest mich mit meinen Bemühungen, hier etwas Altdeutschland-Flair zu verbreiten, nicht alleine lassen. (Oder wolltest Du den kürzlich geäußerten Verdacht einer „Zeppelinbande“ widerlegen?)

Jedenfalls hat Dein Brief auch eine „klassische“ Stellungnahme verdient:
Ein schöner Beleg für die Beförderung im Bereich des DÖPV aus Bayern nach Baden im 2. Rayon (10-20 Meilen). Frankiert mit einer einwandfreien 6 Kr.-Marke MiNr. 10, entwertet mit dem offenen Mühlradstempel 298 (?) aus Lindau.

Kontrollratjunkie schrieb:
Vielleicht hat jemand Lust, sich einmal am handgeschriebenen Inhalt zu versuchen. .

O.K.: es geht darum, dass die Spinnerei Lauffenmühle ihrem Lindauer Kunden offenbar die Preise erhöht hat – vermutlich hat sie es so geschafft, auch heute noch im Geschäft zu sein.
Jedenfalls ist der Kunde – von dem ich nicht weiß, ob er als Einzelhändler das Garn weiterverkaufen oder es verarbeiten wollte -, mit der Preiserhöhung nicht einverstanden und will seinen Auftrag stornieren.
Ein Problem habe ich mit den Kürzeln, die wohl im Geschäftsverkehr gängig waren und verstanden wurden.

Spinnerey Lauffenenmühle (bei) Thiengen
Lindau 21. August 1863
In höflicher Erwiederung Ihres geehrten vom 19. D. M. habe ich Ihnen zu sagen:
Wenn Sie mir die gewünschten Garne
No 20 .. 120 (Loth?) blau a 71 Kreuzer
20 .. 160 grau a 64 Kreuzer
30 .. 40 blau a 75 Kreuzer
12 .. 20 blau a 63 Kreuzer
zu gewährten Conditionen
nicht senden wollen, ich höher dieselben nicht brauchen kann; zu diesem Preis wurden obige Garne an mich bestellt, umsonst wollte ich meine alten Kunden gerne bedienen, aber darauf zu zahlen bin ich nicht gesonnen.
Wenn ich in 4 Tagen keine Antwort erhalte, so nehme ich an, dass Sie diesen Auftrag gestrichen haben.
Hochachtungsvoll grüßend
I.G. Grehser


Kontrollratjunkie schrieb:
Wenn dieses Beispiel nun völlig neben der Spur liegt, bitte ich um Nachsicht.

Völlig daneben gibt es gar nicht, aber als ganz typisches Beispiel für „Social Philately“ würde ich den Brief nicht bezeichnen – posthistorisch gefällt er mir noch besser!

Viele Grüße
balf_de
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Kontrollratjunkie
Moderator


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BeitragThema: Re: Social Philately   Di Nov 29, 2011 4:28 pm

Hallo balf_de,

balf_de schrieb:
Gib zu, das etwas ältere Beispiel hast Du mir zu liebe ausgesucht: Du wolltest mich mit meinen Bemühungen, hier etwas Altdeutschland-Flair zu verbreiten, nicht alleine lassen. (Oder wolltest Du den kürzlich geäußerten Verdacht einer „Zeppelinbande“ widerlegen?)

Ja und ja. Ich dachte mir auch, ein kleines altes Brieflein würde Dir vielleicht besser gefallen, als modernere Belege aus der Nachkriegszeit. Vielen Dank für Deine Beschreibung des Laufweges und natürlich des Inhaltes. Da bekommt so ein Stück gleich einen anderen Hintergrund und man erhält den Einblick in alte vergangene Zeiten der Spinnereiwirtschaft. Preistreiberei gab es also auch schon vor 150 Jahren....

balf_de schrieb:

Völlig daneben gibt es gar nicht, aber als ganz typisches Beispiel für „Social Philately“ würde ich den Brief nicht bezeichnen – posthistorisch gefällt er mir noch besser!

Das freut mich sehr und spornt an, noch weiter zu graben. Irgend etwas Schönes muss sich doch noch finden lassen.....
Mir gefällt der Brief auch sehr gut, wie immer hat mich auch die gute Erhaltung überzeugt.

Liebe Grüße
KJ
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Polarfahrtsucher
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BeitragThema: Re: Social Philately   Fr Dez 02, 2011 3:08 pm

Hallo,
ich muss zugeben dieses Thema „Social Philately“ ist wirklich spannender als zuerst vermutet. Hab mich mal auf die Suche gemacht welche Belege hier passen würden.
Habe diesen beiden Postkarten gefunden, die wie ich finde sehr interessant in Bezug auf die deutsch/österreichische Geschichte sind. Zwar keine besonderen Sondermarken, keine bekannten Persönlichkeiten allerding die Kombination der beiden Stempel machen dieses Paar so interessant:

Postkarte mit österreichischer Marke abgestempelt am 11.3.1938 mit Schuschnigg Wahlaufruf


Sowie eine Karte mit neuer deutscher Sondermarke zur Eingliederung Österreichs enwertet am 8.4.1938 mit Wahlaufruf der Gegenseite.

Den Text kann ich nicht genau entziffern, vor allem bei der 2. Karte, allerdings denke ich sagen die Stück auch so schon einiges aus.

Was haltet ihr davon? Ist hier "Social Philately" angebracht?

Schönen Gruss
Klaus
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Gerhard
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BeitragThema: Re: Social Philately   Sa Dez 03, 2011 9:39 pm

Polarfahrtsucher schrieb:
Hallo,
ich muss zugeben dieses Thema „Social Philately“ ist wirklich spannender als zuerst vermutet. Hab mich mal auf die Suche gemacht welche Belege hier passen würden.
Habe diesen beiden Postkarten gefunden, die wie ich finde sehr interessant in Bezug auf die deutsch/österreichische Geschichte sind. Zwar keine besonderen Sondermarken, keine bekannten Persönlichkeiten allerding die Kombination der beiden Stempel machen dieses Paar so interessant:
Postkarte mit österreichischer Marke abgestempelt am 11.3.1938 mit Schuschnigg Wahlaufruf

Sowie eine Karte mit neuer deutscher Sondermarke zur Eingliederung Österreichs enwertet am 8.4.1938 mit Wahlaufruf der Gegenseite.

Den Text kann ich nicht genau entziffern, vor allem bei der 2. Karte, allerdings denke ich sagen die Stück auch so schon einiges aus.

Was haltet ihr davon? Ist hier "Social Philately" angebracht?


Ich denke schon, dass hier die Bezeichnung "Social Philately" angebracht ist - möchte aber dazu den Hintergrund etwas genauer erläutern:

Reichskanzler Adolf Hitler forderte von Österreich im Februar 1938 – unter Androhung des Einmarsches der Wehrmacht – die Aufhebung des NSDAP-Verbots und die Beteiligung der österreichischen Nationalsozialisten an der Regierung. Bundeskanzler Schuschnigg beugte sich dem Diktat.
Wenig später versuchte er aber doch noch, den baldigen Anschluss an Deutschland zu verhindern: mit einer überraschend angekündigten Volksabstimmung für ein freies, unabhängiges, deutsches und christliches Österreich, angesetzt für den 13. März 1938.

Zu dieser Abstimmung kam es aber nicht mehr – denn dieser Provokation kam Adolf Hitler zuvor: Der österreichische Bundespräsident Miklas wurde durch Drohungen aus Berlin veranlasst, am Abend des 11. März den Nationalsozialistischen Innenminister Seyß-Inquart zum neuen Bundeskanzler zu bestellen. Parallel dazu übernahmen NSDAP-Anhänger in den Landeshauptstädten die Macht. Am 12. März ließ Hitler die Wehrmacht in Österreich einmarschieren.
Die völlig reibungslose, zum Teil bejubelte Machtübernahme veranlasste ihn aber, am 13. März den sofortigen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu verkünden. In Österreich wurde das Anschlussgesetz vom 13. März 1938 von der NS-Bundesregierung beschlossen
Den Anschluss ließ Hitler nachträglich, am 10. April, durch eine Volksabstimmung bestätigen (offizielles Ergebnis: 99,73 % dafür). Bis dahin waren rund 8 % der Wahlberechtigten bereits von der Wahl ausgeschlossen worden (Juden, „Mischlinge“, verhaftete Gegner der Nationalsozialisten).


Plakatwerbung für die Volksabstimmung am 10. April - "für ganz begriffstutzige Wachauer"

Herzliche Sammlergrüße
Gerhard
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Polarfahrtsucher
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BeitragThema: Re: Social Philately   So Dez 04, 2011 9:58 am

Hallo,
vielen Dank Gerhard für diesen tollen und interessanten Beitrag. Mit diesen Hintergrundinformationen kommen die beiden Karten natürlich viel besser zur Geltung.
Immer wieder erstaunlich wie lebendig Geschichte, auch durch "unspektakuläres" Briefmarkensammeln werden kann.

Vielen Dank
Klaus
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Ottakring
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BeitragThema: Re: Social Philately   So Dez 04, 2011 5:30 pm

Ich finde, dass hier ein ausgesprochen interessantes Thema angesprochen wird. Allerding glaube ich, dass es notwendig ist zu unterscheiden ob es sich um ein Zeitdokument (wie z.Bsp. die Stempel zum Aufruf politischer Aktionen sind, wie gezeigt) handelt oder ob es sich um Belege mit zeitgeschichtlichem Inhalt dreht. Zum besseren Verständnis werde ich später in einem zweiten Beitrag einen Brief aus dem Jahre 1842 zeigen und erklären.
Zu Ausstellungsargumenten kann ich als Aussteller mit internationaler Erfahrung sagen, dass man nicht immer unter dem Aspekt der Ausstellung sammeln sollte. Es gibt durchaus interessante Briefinhalte mit zeitgeschichtlichen wertvollen Informationen, die die damaligen Verhältnisse quasi „aus erster Hand“ schildern, ohne dass es sich besondere wertvolle philatelistische Belege handelt.

Doch nun zum Beitrag von Klaus:
Die Texte der Karten „übersetze“ ich wie folgt (Irrtum vorbehalten):

Sehr geehrter Herr Baron,
mit ganz besonderer Freude
nehme ich ihre liebe Karte in Em-
pfang. Ich danke Ihnen herzlich für
die aufrichtige Teilnahme an dem
Heimgang meiner unvergesslichen
lieben Schwester.- Sie lebt in mir noch
weiter.
Erlaube mir Ihnen sowie Frl.
Baronesse viele Grüße aus Innsbruck
zu senden.
Quer geschrieben Absender und Adresse

Innsbruck, 8..38
Lieber Franz,
leider war es mir bisher nicht
möglich deinen lb. Brief zu beantworten.
Nun will ich deinen Wunsche nachkommen
und dir die gewünschten Marken senden.
K… hatte ich vor einer Woche eine Karte mit
einer Glückwunschmarke gesandt und sie
gebeten, sie möge sie mir schicken, doch bis
heute habe ich noch keine Post bekommen.


Zuletzt von Ottakring am Do Dez 15, 2011 10:00 pm bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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Polarfahrtsucher
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BeitragThema: Re: Social Philately   So Dez 04, 2011 6:57 pm

Hallo,
vielen Dank Günter für die Übesetzung. Schon bewundernswert wie ihr es schafft die Texte zu entziffern!
Warte gespannt auf deinen genannten Beitrag!

Schönen Gruss
Klaus
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Gerhard
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BeitragThema: Re: Social Philately   Di Dez 06, 2011 12:01 am

Polarfahrtsucher schrieb:
Hallo,
ich muss zugeben dieses Thema „Social Philately“ ist wirklich spannender als zuerst vermutet. Hab mich mal auf die Suche gemacht welche Belege hier passen würden.
Habe diesen beiden Postkarten gefunden, die wie ich finde sehr interessant in Bezug auf die deutsch/österreichische Geschichte sind. Zwar keine besonderen Sondermarken...........


Zu diesem Thema ist eventuell aus philatelistischer Sicht noch die Tatsache erwähnenswert, dass es von der Anschluss-Marke auf der zweiten von @polarfahrtsucher gezeigten Karte zwei Ausgaben gibt.



Berliner Druck: 23,5 : 28 mm, gez. 14:13 1/2, mit Wasserzeichen
Wiener Druck: 21,5 : 26 mm, gez 12 1/2, ohne Wasserzeichen

Herzliche Sammlergrüße
Gerhard


Zuletzt von Gerhard am Di Dez 06, 2011 12:12 am bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet (Grund : reine Nazi-Propaganda habe ich im Markenbild gepixelt)
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Ottakring
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BeitragThema: Briefe aus früheren Zeiten   Mi Dez 14, 2011 5:56 pm

Zu dem Thema Social Philatelie möchte ich zwei Briefe und deren Inhalt zeigen.
Der erste Brief von Wien nach Linz, der philatelistisch keine Besonderheit ist. Er wurde am 2. April 1838 in Wien abgeschickt und der Empfänger mußte 8 Kreuzer Porto bezahlen.

Der Inhalt geht meiner Meinung über die übliche Geschäftskorrespondenz weit hinaus. Da der Druck in „lesbarer“ Schrift erfolgte, kann sich jeder interessierte Leser selbst eine Meinung bilden.
Ich würde mich über eure Kommentare freuen.

Viele Grüße Günter
Den zweite Brief stelle ich in Kürze ein
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Ottakring
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BeitragThema: Der zweite Brief   Do Dez 15, 2011 9:57 pm

Der zweite Brief ist aus der gleichen Korrespondenz von Wien nach Linz. Diesmal wurde der Brief aber in Hamburg geschrieben und erst in Wien zur Post gebracht. Wie beim ersten Brief hatte der Empfänger 8 Kreuzer Porto zu bezahlen.

Warum wurde der Brief erst in Wien aufgegeben? Der Briefinhalt gibt Aufschluss. Es wird über den großen Brand in Hamburg 1842 berichtet (siehe auch wikipedia „Hamburg Brand“). Um alle Geschäftspartner zu informieren, wie der Brand wütete und welche Schäden entstanden aber auch, dass es dem Handelshaus möglich ist, weiterhin Ware zu liefern, wurde ein ganzes Paket von Drucksachen von Hamburg nach Wien geschickt und erst dort (zur Einsparung von Porto) zur Post gegeben.

Da der Inhalt nicht leicht lesbar ist, habe ich im Folgenden eine „Übersetzung“ angefügt. Ich glaube, ein solcher Bericht „aus erster Hand“ ist ein sehr schönes Zeitdokument und passt in die Rubrik.

Der Text
Obgleich nicht zweifelnd, daß die Kunde von der bedeutenden Feuersbrunst, welche vom 5. bis 8. Mai in unserer Stadt wütete, durch öffentliche Blätter Ihnen schon zugekommen ist, erlauben wir uns dennoch das Nähere, streng Wahre, zu berichten.

Das Feuer brach am Morgen des 5. Mai bei einem ziemlich heftigen und trockenen Winde in einer enggebauten Gasse aus und verbreitete sich um Mittag desselben Tages trotz unserer sehr guten Löschanstalten und trotz aller Anstrengung bis zur naheliegenden Nicolai-Kirche, deren Turm Feuer fing und nach einigen Stunden zusammenstürzte. Dadurch ward das Feuer mit reißender Schnelligkeit weiter geführt, erreichte das Rathaus, die alte Börse, endlich auch die Petri-Kirche und bahnte sich, obgleich von vielen Seiten Häuser gesprengt und demoliert wurden, einen Weg bis zur Promenade und dem Alsterrsee, wo es endlich unter Gottes Beistand am 8. Mai Nachmittags 2 Uhr sein Ziel fand und ist seitdem jede weitere Gefahr gottlob glücklich und vollständig beseitigt. Die öffentliche Ruhe ist kräftig aufrecht erhalten und haben wir uns der Unterstützung aller benachbarten Regierungen zu erfreuen gehabt.

Eine auch nur annähernde Ermittlung des Schadens ist bisher unmöglich gewesen, jedenfalls ist derselbe sehr bedeutend, beschränkt sich jedoch zum größten Teil auf den Wert der Privat und öffentlichen Gebäude, da die abgebrannten Gassen nur zum kleinen Teil vom Handelsstand bewohnt waren oder Warenläger enthielten. Daß der bei weitem größte Teil der Assekuranz Companien zahlungsfähig ist, leidet keinen Zweifel, auch ist dies bereits von mehreren derselben nachgewiesen. Im eigentlichen Handelsverkehr wird also keine Stockung eintreten. Der Hafen und alle dahin gehörigen Einrichtungen, der größte und reichste Teil der Warenläger sind ganz unversehrt geblieben, der ganze bare Fonds unserer Bank ist im feuerfesten Gewölbe vollkommen erhalten und bewahrt und es findet kein merklicher Mangel im Umsatz-Kapital-Markt, so daß der Diskonto nicht höher als 4 % ist, wozu gestern reichlich Geld. Mit Gottes Hilfe wird also Hamburg auch diesen schweren Schlag des Schicksals nach und nach verschmerzen und namentlich wird die Solidarität unserer Börse sich auch unter diesen Umständen aufs Neue beweisen.

Was uns selbst anbetrifft, so ist unser Haus und Warenlager gänzlich verschont geblieben, da es durch einen breiten Kanal vom brennenden Stadtteil getrennt ist. Wir haben daher keine Verluste zu beklagen und sind im Stande, unser Geschäft ganz wie bisher fortzuführen ohne irgend eine Störung.

Im Waren-Geschäft sind seit unserem letzten Bericht keine besonders wichtigen Veränderungen vorgefallen. Seit einigen Tagen sind die durch den herrschend gewesenen Ostwind zurückgehaltenen Schiffe endlich in großer Zahl angekommen, darunter mehrere von Triest, Messina, New York , England etc., deren Zuladung aber noch unbekannt.

Vom Comptoir wird bis Juli noch einiges erwartet, so Punise fest, Balsam Coprio 16, Cassia lignea 10 ¼ : 10 ½ , Rhabarber, sehr gefragt und ohne neue Zufuhr.

Indem wir uns des Weiteren bis zum nächsten Bericht in einigen Tagen vorbehalten, und uns Ihrem ferneren gütigen Wohlwollen bestens empfehlen, zeichnen wir mit Hochachtung ergebenst


N.S.: Zwei soeben von Batavia angekommenen Schiffe bringen 600 Ballen Pfeffer, 730 S Cursumey, 88 Kisten Gy Damar, 120 Ballen Cassia vera, 200 Kisten Cassia lignea, 49 S Cubeben, 13 Faß Tamarinden, 50 Kisten Sago, ferner 1 S von Para, 100 Pf. Cacao, 40 Bali Copau, 200 Rollen Sassaparill, 100 Körbe Oleander.
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balf_de
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BeitragThema: Re: Social Philately   Fr Dez 16, 2011 3:28 pm

Hallo Otakring!

Ottakring schrieb:
Ich glaube, ein solcher Bericht „aus erster Hand“ ist ein sehr schönes Zeitdokument und passt in die Rubrik.

Und ob das passt!

Schon Dein zuerst gezeigter Portobrief ist ein zeitgeschichtliches Dokument: so lange schon gibt es also Broker, die ihre privaten Kunden mit Informationen versorgen!

Und dann kommt Dein zweiter Brief: zum ersten mal sehe ich einen "forwarded"-Brief, bei dem nicht die Portoersparnis der Anlass war. Aber das eigentlich Wesentliche ist der historisch relevante Inhalt: eine derart minutiöse Beschreibung der Hamburger Katastrophe ist ganz bestimmt auch für das dortige Stadtarchiv von Interesse.

Meiner Meinung nach hast Du mit Deinen Beiträgen überzeugend nachgewiesen, dass der alte Spruch von den "flüsternden Briefmarken und sprechenden Briefen" zutrifft - unabhängig von modischen Begriffen wie "Social Philately" - und dass eine zukünftig positive Entwicklung der Philatelie durch das Sammeln von "sprechenden" Belegen statt "flüsternder" Marken zu erreichen sein wird.

Einen "Nachteil" sehe ich in Deinem tollen letzten Beitrag, für den ich mich ganz herzlich bedanken möchte: wer traut sich jetzt noch, hier weiter zu machen ??

Viele Grüße
balf_de
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Gerhard
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BeitragThema: Re: Social Philately   Sa Feb 11, 2012 7:39 pm

Ich denke, es ist an der Zeit, diesen Thread (wenn auch auf etwas niedereren Niveau) wieder zu beleben.

balf_de schrieb:

....... allein was die politisch beeinflussten sozialen Aspekte anbetrifft, lassen sich bestimmt auch aus der Zeit zwischen den Kriegen, aus den ersten Nachkriegsjahren (@Kontrollratjunkie!) oder aus der Zeit des kalten Kriegs – Postkrieg! – relevante Beispiele finden.


Die gegenwärtigen anhaltenden tiefen Außentemperaturen und das von der österr. Bundesregierung geplante „Sparpaket“ (das zu einem maßgeblichen Teil Pensionisten, Beamte und Eisenbahner trifft) hat mich an diesen Beleg meiner Heimatsammlung erinnert:




Die ursprünglich vorgesehenen großzügigen 2 Schilling monatliche Spende wurden dann doch auf 50 Groschen reduziert. Auf die Freimachung der Karte vergaß der Spender geflissentlich, wodurch ein Nachporto fällig wurde.
Damals war zwar die wirtschaftliche Not bedeutend größer, dafür wurden die Gelder aber durch freiwillige Spenden aufgebracht.
Auch die Philatelisten leisteten ihren Beitrag:


Zuschlagsmarken "Winterhilfe" 3. Ausgabe, 1936

Herzliche Sammlergrüße
Gerhard


Zuletzt von Gerhard am Di Feb 14, 2012 5:06 pm bearbeitet, insgesamt 1 mal bearbeitet
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el mue
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BeitragThema: Re: Social Philately   Mo Feb 13, 2012 12:08 pm

Zählt der gezeigte Beleg eigentlich auch unter den Begriff Social Philately?





Kurze Anmerkung zu der Karte,

der Empfänger hat unter anderem bei Herrn Träder, der Anfang der 80er Jahre letzten Jahrhunderts verstarb, studiert. Er hat während des Studiums und auch später noch oft bei den sogenannten 'offenen Singen', welches Herr Träder veranstaltete, mitgewirkt. In der damaligen Zeit war Telefon noch purer Luxus und so wurden solche Anfragen per Postkarte erledigt.

Beste Sammlergrüsse


El Mü
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Social Philately

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