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 Postfrisch, makellos, wertlos - zum Nachdenken!

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AutorNachricht
Mozart
Mitglied in Silber
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BeitragThema: Postfrisch, makellos, wertlos - zum Nachdenken!   Mi Sep 08, 2010 9:54 pm

Das Hobby von Gottfried Döcke und Helmut Küsters ist vom Aussterben bedroht – sie sammeln Briefmarken

Wenn Gottfried Döcke noch einen Beweis dafür gebraucht hätte, dass Briefmarkensammler keinen vernünftigen Platz mehr in dieser Welt haben, im Januar bekam er ihn ins Haus geliefert. Das Einschreiben hatte er selbst aufgeben, der Inhalt war egal, es kam auf den Stempel an. Der Umschlag war frankiert mit schönen Sondermarken von 2009. Döcke sammelt unter anderem deutsche Marken, und er sammelt sie gestempelt.

Weil die junge Frau hinter dem Postschalter beschäftigt war, hatte er nicht darauf bestanden, ihr beim Entwerten des Briefes zuzuschauen. Das Ergebnis – Döcke, 73, Rentner und unlängst mit der goldenen Ehrennadel für 50 Jahre Mitgliedschaft im Philatelistenverband ausgezeichnet, spricht normalerweise mit leiser Stimme über die Leidenschaft seines Lebens. Wenn die Erinnerung an den verschmierten Umschlag in ihm aufsteigt, wird er aber kurz laut. „Einen Saustempel hat sie draufgesetzt“, schimpft er. Die hübschen Marken waren vermurkst, reif für den Mülleimer. Seit diesem Affront hat Gottfried Döcke auch das letzte Vertrauen in seine Freunde und Helfer bei der Post verloren.

Es lässt sich kaum beschönigen, das gute alte Briefmarkensammeln steckt in einer tiefen Krise. Beim Großtauschtag des Falkenseer Briefmarkenvereins 51 am 12. September werden trotzdem wieder um die 40 Markenverrückte im Kulturhaus „Johannes R. Becher“ auftauchen, aber es dürften die gleichen ergrauten Herren wie immer sein, die ihre Schätze gegenseitig schon so oft durchforstet haben, dass sie ebensogut übers Wetter wie über Briefmarken reden können. Der Vereinsvorsitzende Gottfried Döcke wird seine Brasilien-Alben deshalb wohl gleich im Auto lassen.

Brasilien ist Döckes Hauptsammelgebiet, er besitzt alle Marken, die zwischen 1944 und 2002 rings um den Amazonas erschienen sind, viele doppelt. Die könnte er zwar am 12. September tauschen, aber nur, wenn sich ein Liebhaber dafür findet. Die Chance ist gering. Von den Philatelisten in der Region interessiert sich keiner für Brasilien, und dass mal ein junger Sammler hereinschneit, der sich eine Südamerika-Sammlung aufbauen will, ist unwahrscheinlich. Auf die meisten jungen E-Mail-Nutzer wirken gezahnte Wertzeichen so anziehend wie Schallplatten von Karel Gott oder eine Gesamtausgabe von Karl May. Döcke hat oft versucht, Jugendliche für Sperrwerte, Wasserzeichen und Ersttagsstempel zu begeistern. Erfolglos.

Selbst seine Söhne wollen nichts mit Briefmarken zu tun haben, und Döcke kann das sogar verstehen. Als er 1948 mit dem Sammeln anfing, war die Welt noch eine andere: farbloser, direkter, ärmer. Der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei. Wer Geld hatte, gab es für Essen oder Feuerholz aus, an Firlefanz wie eine Briefmarkensammlung war für die meisten Familien kaum zu denken. Das Album, das Döcke damals in der Wohnung eines Freundes in die Hand fiel, musste deshalb auf ihn wirken wie ein Gruß von einem fremden Planeten. Die grünen, roten und blauen Marken hatten dem Vater des Freundes gehört, sie waren im Dritten Reich zusammengetragen worden, viele zeigten das Konterfei Hitlers.

Die Jungs waren Feuer und Flamme. Mit einer vom Vater geliehenen Mark in der Tasche stiefelte Döcke zur Post und kaufte seine ersten druckfrischen Exemplare, den Goethe-Satz. Katalogwert heute: 18 Euro. Ein Falkenseer Hauswirt versorgte ihn ein paar Jahre später mit Westberliner Marken, Döcke tauschte sich damit eine ordentliche DDR-Sammlung zusammen. 1954 trat er in den Kulturbund ein und baute sich in der Folge auch ein internationales Tauschnetzwerk auf. Er kaufte jede DDR-Neuerscheinung zehn- bis fünfzehnmal. Die Marken schickte er seinen Partnern im Ausland. Seine Brieffreunde in Westdeutschland, Brasilien, Schweden oder der Schweiz schickten ihm Marken ihres Heimatlandes zurück. Überhänge tauschte Döcke wieder mit Kollegen, er feilschte um jeden Pfennigwert, und was er auf diesem Weg nicht bekam, kaufte er in Speziallläden nach.

Sammeln war eine organisatorische Herausforderung, die damals durchaus gesellschaftliche Anerkennung brachte. Immerhin erhaschte Gottfried Döcke über die Markenmotive einen kleinen Blick auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs, der den meisten DDR-Bürgern versperrt war. Und er sammelte Werte an. Allein für den Preis eines postfrischen Karl-Marx-Blocks von 1953 hätte eine DDR-Familie damals ein Jahr lang ihre Miete bezahlen können. Und Döcke hatte nicht nur den, er hatte alles.

Zuweilen wurde das Sammeln sogar zum Abenteuer. 1989 durfte Döcke erstmals den Westen ausreisen. Beflissen nahm er sich für die Postkarten gleich eigene Briefmarken mit. Dann vergaß er sie allerdings. Sie fielen ihm erst wieder ein, als die Zollbeamte sie auf der Rückreise aus seinem Jackett schüttelte. Der Zoll nahm ihn daraufhin drei Stunden lang in die Mangel, warf ihm Devisenschmuggel vor, verständigte seinen Betrieb, Döcke bekam eine Rüge vom Kulturbund. „Es war irre“, sagt Döcke. Ein paar Monate später fiel die Mauer, die DDR wurde per Staatsvertrag zum abgeschlossenen Sammelgebiet erklärt, das Internet hielt Einzug, Sammler auf der ganzen Welt vernetzten sich plötzlich per Mausklick. Alles war verfügbar. Für Gottfried Döcke war es der Anfang vom Ende.

Wer heute Briefmarken sammelt, braucht keine Brieffreunde mehr. Die meisten machen es wie Döckes Vereinskollege Helmut Küsters, 60. Der Schriftführer des Falkenseer Sammlervereins sitzt auf seiner Veranda und zeigt seine letzten Internetschnäppchen: eine kleine Plastiktüte mit mehreren Sätzen aus Ungarn, verwaschene Farben, gestochene Motive, typisch Vierzigerjahre. Küsters hat sie auf Ebay ersteigert. Sie haben ein Euro gekostet, plus Versand. Im Katalog werden sie mit irgendwas um die 80 Euro geführt. „Aber Katalogpreise zahlt niemand“, sagt Küsters. Nicht für ungarische Marken aus den Vierzigern und auch nicht mehr für Karl-Marx-Blöcke. Helmut Küsters häuft deshalb an. Er bezeichnet sich selbst als „Staubsaugersammler“, das ist einer, der viel und breit sammelt, gerne auch nach schönen Motiven. Mehrmals in der Woche stöbert er in den einschlägigen Foren nach günstigen Angeboten und trägt so innerhalb kurzer Zeit ganze Ländersammlungen zusammen. Derzeit arbeitet er Ungarn und Bulgarien ab, er sammelt das alte Baltikum und darüber hinaus alles, was aus seinem Spezialgebiet Indien den Weg zu ihm findet. Nicht alles ist so günstig zu haben, wie die ungarischen Sätze, aber vieles. Über Indien hat sich Küsters zuhause umfangreiche Konvolute angelegt, die weit mehr beinhalten als Briefmarken. In den Alben quetschen sich Postkarten, Schuldscheine aus dem 18. Jahrhundert, Verwaltungsmarken aus den unterschiedlichsten indischen Fürstentümern, zum Teil mit verschmierten Daumenabdrücken entwertet. Es folgen Marken aus der britischen Kolonialzeit und endlose Reihen von Postwertzeichen mit den Porträts von Freiheitskämpfern. Die Alben sind Geschichtsbücher, die vieles über Indien erzählen können, wenn man sich denn für das Land interessiert. „Mit Briefmarken kann man den Sinn für die Ästhetik eines ganzen Volkes schulen“, sagt Küsters. Das würde er künftig gerne in Schulen vortragen und auf diesem Weg versuchen, vielleicht noch ein oder zwei Schüler für das Hobby zu begeistern. Mehr als den Spaß am Sammeln kann er ihnen als Anreiz aber kaum bieten. „Wer denkt, dass Briefmarken eine Wertanlage sind, kann es gleich vergessen“, sagt Küsters. „Das Geld, das man in die Sammlung steckt, bekommt man nie wieder raus.“

Gottfried Döcke hat damit seine Erfahrungen gemacht. Vor ein paar Jahren hat er mal eine komplette Sammlung BRD und Westberlin zur Auktion gegeben. Der Katalogwert lag bei knapp 20 000 Euro. „Ich hatte gehofft, dass ich 3000 bekomme“, sagt er. Die in jahrelanger Arbeit zusammengetragenen Sammlungen fanden schließlich für nur 1400 Euro einen neuen Besitzer. „Das mache ich nie wieder“, sagt Döcke.

Das ist ein Grund, weshalb bei ihm inzwischen Ernüchterung Einzug gehalten hat. Es gab aber noch andere. Von dem Tauschnetzwerk, dass sich Döcke vor der Wende aufgebaut hatte, ist heute fast niemand mehr übrig. Die meisten seiner Partner sind gestorben, auch der Schwede, für den er extra in der Volkshochschule schwedische Vokabeln gebüffelt hatte. Die Neuerscheinungen aus Schweden bezog Döcke danach für eine Weile direkt per Abonnement, aber es fehlte die soziale Komponente. Das Abo hat Döcke inzwischen auch gekündigt, das Problem in Schweden war dasselbe wie überall woanders auch: Es erscheinen Marken über Marken, gummiert, selbstklebend, bunt, einfarbig, sie kosten ein Vermögen und bleiben defacto wertlos. Und wenn man sie aufklebt, rollt die Post einen anonymen Wellenstempel drüber, oder sie verschmiert ihn. „Das bringt nischt mehr“, sagt Döcke.

Viele der Marken, die er drei- oder vierfach hatte, hat er inzwischen einem Berliner Händler überlassen – ohne zu feilschen. Auch die Lücken in seiner Sammlung betrachtet er heute mit einem Schulterzucken. Aus Norwegen, Grönland oder Schweden fehlen ihm jeweils nur noch eine Handvoll Marken. Es wäre ein Leichtes, die fehlenden Sätze im Internet zu kaufen, aber Döcke boykottiert das Internet, in den Speziallläden will er auch kein Geld mehr lassen. „Wozu?“, fragt er.

Statt Geld auszugeben setzt sich Gottfried Döcke lieber im Winter an den großen Wohnzimmertisch, stapelt seine Alben um sich und sortiert alles um. Dabei denkt er über die Zukunft nach.

Aufhören wollte Gottfried Döcke eigentlich nie. „Einmal Philatelist, immer Philatelist“, sagt er. Aber bevor sich seine Erben einmal von einem Händler über den Tisch ziehen lassen, verkauft er seine Marken am Ende womöglich doch lieber selber.

Der Briefmarkengroßtauschtag des Falkenseer Briefmarkenvereins 51 beginnt am 12. September um 9.30 Uhr im Kulturhaus „Johannes R. Becher“. Getauscht werden kann bis 14 Uhr.


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Cantus
Mitglied in Silber
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BeitragThema: Re: Postfrisch, makellos, wertlos - zum Nachdenken!   Mi Sep 08, 2010 10:53 pm

Hallo Mozart,
das ist bei meinen (Haupt-)Sammelgebieten auch nicht anders.

Beim Thema "Fracht- und Paketpost im alten Österreich" gibt es weltweit vielleicht noch 20 Sammler, die sich so wie ich intensiv damit beschäftigen.

Beim Thema "Österreichische private Ganzsachenumschläge", meinem absoluten Hauptsammelgebiet, dürfte die Zahl auch nicht viel größer sein.

Sicher, es wird immer noch eine ganze Reihe von Sammlern geben, die den einen oder anderen passenden Beleg in ihren Sammlungen haben, aber meist nur als Ergänzung zu irgendwelchen anderen Sammlungsschwerpunkten; man merkt das, wenn man Auktionskataloge durcharbeitet. Das stört mich aber nicht, denn ich sammle für mich und nicht, um irgendwelche Werte anzuhäufen.

Im Übrigen wird es mit Briefmarken oder Ganzsachen später einmal sicher so ähnlich sein wie heute schon mit Bildern alter Meister, mit Büchern aus der Zeit vor 1930 oder mit wunderschönen Schallplattenaufnahmen klassischer Musik. Es wird immer einige Menschen geben, denen es Freude bereitet, sich mit Schönem und Altem zu beschäftigen oder aber sich nur daran zu erfreuen. Briefmarken sind Kulturgüter vergangener Zeiten, mal recht modern, mal Jahrzehnte alt, insgesamt aber spiegeln sie Ereignisse, Gewohnheiten oder Schönes aus alten Zeiten wider. Und wer nicht nur am jeweils aktuellen Modetrend Interesse hat, kommt langfristig nicht daran vorbei, sich auch mal mit dem zu beschäftigen, was uns in unserer Jugend oder unsere Vorfahren so sehr begeistert hat. Und manch eine/r wird vielleicht hängenbleiben und dann anfangen, dieses oder anderes älteres Material zusammenzutragen und so eine wie auch immer geartete Sammlung aufzubauen.

Viele Grüße
Ingo
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Postfrisch, makellos, wertlos - zum Nachdenken!

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