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 Der Untergang der 1. Republik

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AutorNachricht
Mozart
Mitglied in Silber
Mozart


BeitragThema: Der Untergang der 1. Republik   Do März 06, 2008 7:23 pm

Die Schicksalsstunden Österreichs haben ihre Spuren auch in der Geschichte der Post hinterlassen. Postgeschichte ist Teil der Geschichte. Ohne historische Kenntnisse lässt sie sich nicht verstehen.

Als der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am 12. Februar 1938 auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden unter schwerem politischen Druck Hitlers erkennenmusste, dass die Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich unmittelbar bevorstand, setzte er als letzten Rettungsversuch für den 13. März 1938 eine Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs an. Die österreichische Post wurde in die Kampagne eingebunden und stempelte Briefpost: „Mit Schuschnigg für ein freies Österreich? Ja!“


Zum gleichen Zweck wurden Wahlwerbevignetten der „Vaterländischen Front“ aufgelegt, die zwar keine
Briefmarken waren, aber doch auch postalisch gestempelt vorkommen.



Die Vaterländische Front war nach der Auflösung der politischen Parteien in den Jahren 1933/34 durch Bundeskanzler Dollfuß zur Einheitspartei des Ständestaates Österreich geworden. Sie war unter dem Symbol des Kruckenkreuzes der „alleinige Träger der politischen Willensbildung in Österreich“ und Sammelbecken aller regierungstreuen Kräfte.
Die von Schuschnigg übereilt und auch ohne ausreichende Vorbereitung angesetzte Volksbefragung konnte nicht mehr stattfinden, Schuschnigg mußte sie unter deutschem Druck absagen. Er trat am  11. März 1938 zurück. Zwei Tage später übertrug Bundespräsident Miklas – ohne selbst ausdrücklich zu demissionieren – seine Amtsgeschäfte an den Nationalsozialisten Seyß-Inquart.
Am 12. März 1938 marschierte dieDeutsche Wehrmacht kampflos in Österreich ein. Am 13. März wurde das Bundesverfassungsgesetz überdie „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ verlautbart. Noch am Abend dieses Tages traf Hitler in Wien ein.


SS-Chef Heinrich Himmler und SS-Führer Heydrich waren schon einen Tag früher da. Erste Verhaftungen
erfolgten noch an diesem Tag und füllten die Gefängnisse in der Folge mit Anschlußgegnern und Personen, die dem Nationalsozialismus kritisch bis feindlich gegenüberstanden.


Die Grenzen Österreichs wurden streng kontrolliert, die deutsche Devisenkontrolle wurde auch in Österreich eingeführt. Sie diente überdies der Zensur und zwar nicht nur der Auslandspost, sondern bei Vorliegen eines „Verdachtes“ auch der Inlandspost.



Spottkarten und Propagandakarten beleuchten die Lage.


Ab 4.4.1938 konnten auch deutsche Briefmarken verwendet werden. Der Umrechnungskurs war 1 Mark = 1,5 Schilling. Die postalischen Zusatzleistungen (Reko, Eilboten) wurden nach österreichischem Tarif, die
Postgebühren nach deutschem Tarif berechnet. Auch das war eine Propagandamaßnahme. Die jeweils günstigeren Tarife sollten den Österreichern zeigen: Auch für die Brieftasche bricht eine neue Zeit an.

Die österreichischen Briefmarken blieben weiter frankaturgültig.
Lediglich die Dollfuß-Marken (ANK 588-590) wurden soweit noch vorhanden mit 15. März 1938 eingezogen und vernichtet. Mischfrankaturen  von österreichischen und deutschen Marken waren erlaubt und nicht nur die damaligen Sammler haben von dieser Möglichkeit ausgiebig Gebrauch gemacht.


Das Reichspostministerium in Berlin übernahm die österreichische Post. Das „Post- und Telegraphen-Verordnungsblatt“, in dem alle Verfügungen, die das österreichische Postwesen betrafen, veröffentlicht wurden, änderte seinen Namen in „Nachrichtenblatt der Abwicklungsstelledes Reichspostministeriums für das Land Österreich“.
Entscheidungen wurden nicht mehr in Wien, sondern in Berlin getroffen. Marken und Wertzeicheneindrucke auf  Postkarten, die in Wien mit dem Hakenkreuz-Aufdruck versehen worden waren, erhielten keine Genehmigung zur Ausgabe und postalischen Verwendung.


Anders war es bei Postformularen österreichischer Provenienz. Hierüber berichtet – nach Stil und inhaltlicher Prägnanz wohl noch Ing. Edwin Müller vor seinem zwangsweisen Ausscheiden aus seiner renommierten, jahrelang redigierten philatelistischen Zeitschrift „Die Postmarke“ – in der Nummer 407 vom 16. Mai 1938 wie folgt:
„Durch eine Verfügung vom 21. April 1938 ist angeordnet worden, bei allen Drucksorten das alte Hoheitszeichen zu überdrucken und das neue Hoheitszeichen aufzudrucken.
Zu diesem Zwecke haben alle Postämter zwei Stempel erhalten, die entsprechend zu verwenden sind. Die Postämter erhalten nach wie vor, bis zum Aufbrauch, noch die alten Drucksorten geliefert und haben die Änderung selbst durchzuführen.
Drucksorten mit dem alten Wappen dürfen nicht mehr verkauft werden;



Zur nochmaligen Klarstellung: Gemeint war nicht der Wertstempel selbst, sondern der in der Ganzsache allenfalls aufscheinende österreichische Hoheitsadler, beispielsweise auf Postanweisungskarten, der zu überstempeln war. Diese deutsche Verfügung zur Überstempelung wurde nicht einmal in Wien lückenlos befolgt, doch liegen zahlreiche Abgabe- und Aufgabescheine vor, die beweisen, dass die Verordnung auch bei kleineren Postämtern in der Praxis umgesetzt worden ist.
Zu erwähnen ist noch das Vorkommen des deutschen Hoheitszeichens auf der 10-Groschen-Portomarke (ANK 163).
Hie-zu Ing. Müller in der Nummer 414 der „Postmarke“ vom 9. September 1938, Seite 205:
„Dem Vernehmen nach soll ein Beamter des Postlageramtes Wien 1 in irrigerAuffassung über die Verordnung betreffend das Überstempeln von Drucksorten auch einige Bogen der 10 Groschen-Nachgebührenmarke überdruckt haben.“


Für den 10. April 1938 wurde von den neuen Machthabern eine Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich angesetzt. Österreicher und Deutsche erlebten eine noch nie dagewesene Propagandaflut, für die auch die Post mit Stempeln verschiedenster Art eingebunden war.



Die Abstimmung war zwar frei und es gab Kabinen für die geheime Stimmabgabe. Diese wurden jedoch kaum benutzt – die einen brauchten sie nicht, weil sie ohnedies für den Anschluss waren, die anderen hatten Angst, sie zu benützen und damit den Verdacht der Gegnerschaft auf sich zu lenken. Gegenmeinungen waren weder zu hören, noch zu lesen. Der große Kreis auf dem Stimmzettel war natürlich für das „Ja“ bestimmt. Das Ergebnis war dementsprechend überwältigend für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich.


Rechtzeitig vor der Volksabstimmung vom 10. April, kam am 8. April 1938 eine „Anschlussmarke“ an die Postschalter.
Die Abbildung zeigt den Wiener und den Berliner Druck sowie die ursprünglich vorgesehene Ausführung der Marke. Sie hatte noch das Porto in österreichischer Währung getragen (12 Gr.) und den Anschein einer staatsvertraglichen Vereinigung zweier unabhängiger Staaten erweckt. Die damalige anschlussfreundliche Haltung eines großen Teiles der österreichischen Bevölkerung erlaubte es dem Regime jedoch risikolos, auf die Worte „Land Österreich“ zu verzichten und den Nennwert in der – noch dazu für den Postkunden billigeren – deutschen Währung einzusetzen.


Eine neuerliche Portoänderung erfolgte am 1.8.1938:
Nunmehr galt auch für die Postzusatzleistungen der teurere deutsche Tarif.

Ersttag der 3. Gebührenperiode: 1.8.1938.
Inlandsbrief, 2. Gewichtsstufe (24 Rpf.), Eilzustellung und Rohrpost
(40 Rpf.), gesamt = 64 Rpf., Frankatur: 60 Rpf. + 6 Gr. (= 4 Rpf.).


Die österreichischen Briefmarken verloren mit 31.10.1938 ihre Gültigkeit.


Der Name Österreich wurde zum „Unwort“. Unser Land hieß nun „Ostmark“. Aber auch dieser Name erinnerte zu stark an die 1. Republik und verschwand im Krieg. Österreich, das waren jetzt die „Alpen- und Donaugaue“.

Quelle:
Dr. Hellwig Heinzel / DIE BRIEFMARKE Nr. 4/2007
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m.w.myname
Mitglied
Mitglied
m.w.myname


BeitragThema: Ergänzung zum Thema   Di März 18, 2008 7:03 pm

Hallo,
da dieses Thema in meiner Sammlung auch mit über 100 Belegen vertreten ist, möchte ich diesen
herrlichen und sehr informativen Beitrag durch ein paar Bilder ergänzen. Belege mit eindeutig propagandistischem Charakter möchte ich nur dann zeigen, wenn es die Mods erlauben. Dies
würde dann in einem späteren Beitrag nachgeholt.
Ich hoffe, daß mit den Bildern alles klappt.
Ich sehe gerade, daß bei den vier Bildern rechts etwas abgeschnitten wurde. Muß ich die Bilder
verkleinern ?

m.w.myname (Michael)




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Bios
Mitglied in Bronze
Bios


BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Di März 18, 2008 7:49 pm

Ja, Michael, wenn Du sie verkleinerst, klappt es.
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Mozart
Mitglied in Silber
Mozart


BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Di März 18, 2008 10:05 pm

Hallo Michael,

herzlichen Dank für deine Ergänzung! Gegen Propagandamaterial ist nichts einzuwenden, wenn es sich dabei um philatelitisches Material handelt! Also nur zu!

Auch ich sehe deine Bilder leider nicht ganz, bitte verkleinere sie etwas!

Beste Grüsse
Mozart
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Michaela
Admin
Michaela


BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Mi März 19, 2008 7:37 am

Danke Mozart für diesen vortrefflichen Beitrag,
am 26.03.08 ist auf 3SAT eine Dokumentation mit dem Titel "Der Untergang Österreichs" zu sehen.

_________________
Liebe Sammlergrüsse
Eure Michaela
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m.w.myname
Mitglied
Mitglied
m.w.myname


BeitragThema: Ergänzungen zum Thema   Mi März 19, 2008 5:42 pm

Hallo,
dann versuche ich es heute noch einmal mit der "640 pxs" - Größe. Dann müßten
alle Bilder voll erscheinen. Heute sind dann auch Propagandabelege dabei. Ich
bitte darum, die teilweise markigen Sprüche, wie "Am 10. April dem......." und
ähnliches so wie Hakenkreuze und Hitlerbilder als rein historische Dokumente zu
betrachten. Ich persönlich halte den Überfall der damaligen deutschen Machthaber
auf das schöne kleine Östereich für ein Verbrechen am österreichischen Volk

m.w.myname






















Wenn man sich den Startbeitrag durchließt, versteht man auch die
hier abgebildeten Belege.

Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung

m.w.myname
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Mozart
Mitglied in Silber
Mozart


BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Mi März 19, 2008 7:29 pm

Hallo Michael

Vielen Dank für die schönen Belege aus dieser schrecklichen Zeit, die du uns hier zeigst!

Michael, ich hab die Bilder vom ersten Beitrag verkleinert und die doppelten dann gelöscht! Ich hoffe das ist in deinem Sinne!

Beste Grüsse
Mozart
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Gast
Gast
Anonymous


BeitragThema: Thema allgemein   Fr Aug 29, 2008 2:57 pm

Und Süd-Tirol wurde verraten und vergessen, wie 1915
1918 1938 1939 und dann wenn der große Spuk vorbei
war, seit 1945...

liebe Grüße

Andreas
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hannes
Mitglied
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BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Fr Aug 29, 2008 5:20 pm

sehr intressantes thema ! würd mich freun hier mehr zu sehn !!!!

lg hannes
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oe3rudi
Mitglied
Mitglied
oe3rudi


BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Sa Aug 30, 2008 3:55 pm

Hallo Mozart

Der Bericht ist sehr aufschlußreich und gut Belegt. Gratuliere dazu.

Darf ich mich mit 3 Bildern anhängen. Mit Stempel NIEDERDONAU wurde bei uns auch noch am 30.09.1941
abgestempelt.



Wohin das alles geführt hat sieht man an diesem Brief: Da schreibt jemand mit EILBOTEN an einen Ob. Gef. in einem Kriegslazareth in RADOM am 3.6.1942. Der Brief kommt am 13.6.1942 an und wird zurückgesendet mit dem Vermerk NEUE ANSCHRIFT ABWARTEN: Kann sein das der Ob Gefr. Wieder an die Front mußte...



Wie haben die Postler damals unter Druck gestanden das sie solche Stempel verwendet haben?


Diese Berichte geben schon zu denken..So soll es ja auch sein..Marken sind eben Zeitzeugen

Viel Erfolg und Danke von OE3Rudi
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Dino
Mitglied in Bronze
Dino


BeitragThema: Der Untergang der 1. Republik   Do Sep 18, 2008 5:00 pm

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Dino
Mitglied in Bronze
Dino


BeitragThema: Der Untergang der 1.Republik   Do Sep 18, 2008 5:05 pm

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Gerhard
Moderator
Gerhard


BeitragThema: Re: Der Untergang der 1. Republik   Di Jul 11, 2017 12:02 pm

Liebe Sammlerfreunde,

kürzlich konnte ich wieder einmal einen schönen Brief für meine Heimatsammlung erwerben:


Bedarfsbrief aus Krems nach Wien vom 11. März 1938

@Gerhard schrieb:
Hier die weiteren bekannten Stempeltypen für die Volksabstimmung am 13.März:


Herzliche Sammlergrüße
Gerhard
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Der Untergang der 1. Republik

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